Das Büchlein im Grabe!

Seit dieser Woche arbeiten wir wieder neben der Amberger Spitalkirche im Bereich des spätmittelalterlichen Friedhofs. Die von uns in der letzten Woche untersuchten Gräber wurden nach unserem bisherigem Kenntnisstand im 15. und 16. Jahrhundert angelegt. Grab 350 hatte dabei eine absolute Seltenheit für uns parat.
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Bei diesem Grab hatten sich Reste des Holzsarges aus Nadelholz sehr gut erhalten, dafür war das Skelett bis auf wenige Reste des Schädels und der Unterarme fast vollständig vergangen. Im Bereich des Oberkörpers hatte man der Frau (?) eine Reihe von Gegenständen mitgegeben, die zur frommen privaten Andacht bestimmt waren. Im Bereich der Unterarme lagen drei Medaillons, die wahrscheinlich christliche Darstellungen zum Inhalt hatten, in kleines Kruzifix zum Anhängen, ein bronzenes „Bilderrähmchen“ mit Perlrand, ebenfalls zum Anhängen und ein in Leder gebundenes, winziges Miniaturbuch mit silbernem und bronzenem Beschlag und Buchschließe. Das Büchlein diente mit großer Wahrscheinlichkeit der privaten Andacht, etwa als Psalmsammlung, die der Gläubige jederzeit zur Hand haben konnte. Wenig westlich konnten wir außerdem die Reste eines weiteren Miniaturbüchleins mit hölzernen, mit Leder bezogenem Einband bergen. Dieses war jedoch sekundär in die Verfüllung jüngerer Gräber gelangt und lag somit nicht in der ursprünglichen Position.

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Solche Miniaturbüchlein sind im archäologischen Kontext äußerst selten. Sie waren sehr kostbar, denn ihre Herstellung war aufwendig und schwierig. Die wenigen bekannten Exemplare solcher Büchlein in archäologischem Kontext stammen offenbar nahezu ausschließlich aus Gräbern geistlicher Funktionsträger des 16. und 17. Jahrhunderts. Umso bemerkenswerter ist, dass unser Grab mögilcherweise in das 15. Jahrhundert zu datieren ist. Die Baugrube eines Strebepfeilers der heute stehende Spitalkirche scheint nämlich den östlichen Teil des Grabes abzuschneiden. Da die Spitalkirche Hl. Geist im 15. Jahrhundert errichtet wurde, müsste das Grab dann zumindest geringfügig älter sein, als die Kirche. Es ist denkbar, dass wir hier das Grab einer Schwester, vielleicht sogar einer Oberin vor uns haben, die im Amberger Spital lebte und arbeitete.
Die Restaurierung der Funde im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege wird sicherlich weitere spannende Details ans Tageslicht bringen.

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