Obermainshof 1 – Ein Nachruf auf das älteste Bauernhaus der westlichen Oberpfalz

Ausgerechnet im Lutherjahr 2017 verschwand das unter Denkmalschutz stehende älteste bekannte Bauernhaus der westlichen und nördlichen Oberpfalz. Das Haus Obermainshof 1 (Gmde. Neukirchen b. Sulzbach-Rosenberg, Lkr. Amberg-Sulzbach) wurde nämlich im Jahr 1534 errichtet, in dem Jahr als Martin Luther seine erste Bibelübersetzung ins Deutsche drucken ließ. Der Verlust für die Oberpfälzer Kulturlandschaft ist enorm und nicht zu kompensieren. Bauernhäuser des Oberpfälzer Jura in den Landkreisen Neumarkt i.d. Opf. und Amberg-Sulzbach sind bislang wenig erforscht. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts errichtete man hier fast ausschließlich eingeschossige Bauernhäuser. Diese Häuser besitzen traditionell steile, mit Stroh gedeckte Dächer, die eine Verwandtschaft zu den ländlichen Hauslandschaften Ober- und Mittelfrankens zeigen.

Ein Blick auf Flur- und Parzellenstruktur in der Uraufnahme der.ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lässt vermuten, dass Obermainshof bei seiner Gründung im früheren Mittelalter wahrscheinlich mit dem Hof Nr. 1 lediglich einen Hof besaß. Durch Teilung entstand kurze Zeit später dann der Hof Nr. 2.

UK_1

Das bis zum Sommer 2017 erhaltene Haus Obermainshof 1 war bis zu seinem Abriss das älteste bekannte Bauernhaus der westlichen Oberpfalz. Bis nach 1830 war es Wohnstallhaus eines „halben Hofes“, also eines Bauernhofes mit relativ großem Grundbesitz. Dieser war in etwa halb so groß, wie das, was ein Großbauer bewirtschaftete. Wie die Uraufnahme zeigt, gehörten zum Hof Obermainshof 1 neben dem Wohnstallhaus eine Scheune und ein weiteres Wirtschaftsgebäude.

Obermainshof

Das Haus wurde 1533/34 (dendrochronlogische Datierung des Dachwerks) als Holzständerbau errichtet. Es gehörte zum Bautypus des sogenannten „breiten Hauses“, das in seiner dreizonigen Gerüstkonstruktion in mittelalterlicher Bautradition steht. Der Typus des „breiten Hauses“ ist besonders in Mittel- und Oberfranken, der westlichen Oberpfalz, aber auch in den an Franken grenzenden Regionen Oberbayerns anzutreffen. Zu diesem Bautyp gehört beispielsweise auch das hier gezeigte sogenannte Schwedenhaus aus Nürnberg-Almoshof, das im Bauzustand von 1554 heute im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim gezeigt wird.

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Charakteristisch für das „breite Haus“ ist ein quadratischer oder annähernd quadratischer Grundriss, der beim Haus Obermainshof 1 ca. 13,3 m Länge x 12,4 m Breite betragen hat. Die Raumabfolge entsprach auch in Obermainshof der charakteristischen Raumabfolge beim „breiten Haus“: Die Erschließung erfolgte, wie übrigens auch bei den Häusern dieses Typs im östlichen Mittelfranken, von der Giebelseite im Süden her. Die einzelnen Räume waren über einen relativ breiten Mittelflur, die sogenannte Tenne, zu erreichen. Die fast immer annähernd quadratische Stube lag bei diesen Häusern immer im Hauseck und oftmals – so auch hier – im Südosten. Für die Bauzeit 1533/1534 ist für das Haus in Obermainshof eine hölzerne Bohlenstube anzunehmen, von der sich Reste nachweisen ließen. Hinter der Stube schloss sich die Küche an, von der aus ursprünglich sicherlich ein Hinterladerkachelofen in der Stube geschürt werden konnte. Gegenüber der Stube lag im ursprünglichen Bestand eine weitere Kammer, die der Erweiterung des Stalls um 1900 weichen musste. Zur Erbauungszeit in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts lag der Stall wahrscheinlich quer zur Tenne und war über die gesamte Länge des Hauses geführt. Der Keller war, wie beim „breiten Haus“ oftmals der Fall, außen an das Haus „angehängt“.

Grundriss_2

Querschnitt_2

Der Dachstuhl und der unteren Teil des Südgiebels gehörten fast vollständig erhalten zur ältesten Bauphase von 1533/34. Das Giebelfachwerk war hier mit bauzeitlich Staken und Lehm gefüllt. Es bestand im ersten Dachgeschoss aus den Ständern des Dachstuhls, die mit kurzen Fußbändern sowie einer doppelten Riegellage verstrebt waren. Das Haus besaß ursprünglich ein nach beiden Seiten abgewalmtes Halbwalmdach, das sicherlich eine Strohdeckung trug. Das Walmdach wurde 1815 zu einem Satteldach umgestaltet, was die Aufstockung der Giebelseiten erforderte. Einen Eindruck von ursprünlichen Dach des Obermainshofer Hauses vermittelt die hier gezeigte, um 1560 errichtete Scheune auf dem Imhoff´schen Herrensitz in Nürnberg-Almoshof.

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Der Dachstuhl und der Südgiebel gehörten beim Obermainshofer Haus fast vollständig erhalten zur ältesten Bauphase von 1533/34. Das Giebelfachwerk war hier mit bauzeitlichen Staken und Lehm gefüllt. Es bestand im ersten Dachgeschoss aus den Ständern des Dachstuhls, die mit kurzen Fußbändern verstrebt waren sowie einer doppelten Riegellage. Das Haus besaß ursprünglich ein nach beiden Seiten abgewalmtes Halbwalmdach, das sicherlich eine Strohdeckung trug. Einen Eindruck vom ursprünlichen Dach des Obermainshofer Hauses vermittelt die hier gezeigte, um 1560 errichtete Scheune auf dem Imhoff´schen Herrensitz in Nürnberg-Almoshof.
Im Bereich des ersten Dachgeschosses des Hauses Obermainshof 1 war ein dreifach stehender Stuhl, im zweiten Dachgeschoss ein zweifach stehender Stuhl eingebaut. Laut eines publizierten Berichts des Bauforschers Karl Schnieringer (Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege) war „die nahezu vollständig in der bauzeitlichen Substanz erhaltene Dachkonstruktion höchst solide gebaut“. Die bekannte Darstellung Albrecht Dürers von Kalchreuth um das Jahr 1500 zeigt das Aussehen und die Dachlandschaft eines nordostbayerischen Dorfes am Ausgang des Mittelalters auf eindrucksvolle Weise.
Karl Schnieringer schließt seine kurze Beschreibung des Gebäudes im gerade erschienenen Band 68/69 des Jahrbuchs der Bayerischen Denkmalpflege mit einem Satz, der den kulturgeschichtlichen Verlust des Hauses noch einmal deutlich werden lässt: „Das Haus ist als Zeugnis der aus dem Mittelalter tradierten Holzbauweise als höchst bedeutend einzustufen, sein Fortbestand konnte bis zuletzt noch nicht gesichert werden“.

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Bildnachweis:
Bayerische Vermessungsverwaltung
Mathias Conrad, Poppenricht
Fränkisches Freilandmuseum Bad Windsheim
Janericloebe: https://upload.wikimedia.org/…/Nuremberg_Almoshof_Imhoff%27…
Jahrbuch der Bayerischen Denkmalpflege 68/69, 2014/2015, Abb. 27, 28, S. 174.

Literatur:
Jahrbuch der Bayerischen Denkmalpflege 68/69, 2014/2015.
Herbert May: Grundzüge des bäuerlichen Hausbaus um Nürnberg vom 16. Jahrhundert bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, Bad Windsheim 2013.

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