Eine von fünf Mehrfachbestattungen des mittleren 14. Jahrhunderts am Amberger Spital

Nachdem bereits der Regionalsender Oberpfalz TV über diesen Befund berichtet hat, möchten wir hier noch kurz einige Anmerkungen zu dem aktuellen Grabbefund neben der Amberger Spitalkirche machen. Das Grab 498 gehört zu einer Gruppe von mindestens fünf Mehrfachbestattungen (wir haben auf unserer Facebookseite ausführlich darüber berichtet) und den besprochenen merkwürdigen Einzelgräbern, bei denen wir einen Zusammenhang mit der für um 1350 überlieferten ersten großen Pestwelle des späten Mittelalters in Deutschland für sehr wahrscheinlich halten.
In diesem Grab liegen zwei erwachsene Männer und vier Jugendliche bzw. Kinder begraben. Die Toten wurden in eine, mit nur 1,7 Meter Länge und 78 Zentimeter Breite sehr kleine Grabgrube übereinander gelegt – sie wurden defintiv nicht in die Grube hineingeschmissen. Aufgrund der Enge der Grube wurden sie jedoch in zum Teil extrem unnatürlicher, geradezu „verbogener“ Körperhaltung dicht übereinander niedergelegt. Allein vier Mal liegen die Toten mit dem Gesicht nach unten, den Oberkörper auf den Bauch gedreht. Auch die im Einzelgrab links daneben liegende Frau wurde in einer Bauch-Seitenlage bestattet. Ein Begräbnis in Bauchlage mit dem Gesicht zum Boden gilt im christlichen Mittelalter eigentlich als dogmatisch verboten.

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Durch die zahlreichen ungewöhnlichen Grabbefunde auf engem Raum zwischen Spitalkirche und dem mittelalterlichen Spitalbau können wir also auf eine extreme Ausnahmesitution schließen, in der sich die Gruppe der Bestattenden befunden haben muss. Da die seltsamen Bestattungen die ältesten Gräber in diesem Areal sind und sich zudem Reste einer älteren profanen Vornutzung des Areals aus dem späten 13. Jahrhundert erhalten haben, besteht aus archäologischer Sicht kein Zweifel an einer Datierung relativ kurz nach 1317, dem Zeitpunkt der Gründung des Amberger Spitals. Offenbar benötigte man zusätzlichen Platz für die zahlreichen, in kurzer Zeit anfallenden Gräber, so dass man sich entschloss, den Bereich zwischen dem (von uns 2016 ausgegrabenen) Spitalbau von ca. 1317 und der Kirche erstmalig als Friedhof zu nutzen.

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Die Wahrscheinlichkeit, dass es hier eine Verbindung zur Pest-Pandemie des mittleren 14. Jahrhunderts gibt, bei der wahrscheinlich in einigen Teilen Europas weite Teile des öffentlichen Lebens zusammenbrachen, halten wir für sehr hoch.
Vielleicht regen die Befunde aber auch dazu an, einmal darüber nachzudenken, wie gut es uns trotz aller Unsicherheiten der Moderne heute geht und wie wenig selbstverständlich Vieles von dem ist, was wir als Bürger eines der reichsten Länder der Welt heute als oftmals selbstverständlich erachten…

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