Der Grabstein des Kümmersbrucker Schmiedemeisters aus dem späten 8. Jahrhundert?

Vor längerer Zeit haben wir damals noch auf unserer leider gehackten Webseite http://www.schauhuette.de ausführlich über die frühmittelalterlichen Männergräber inmitten des karolingerzeitlichen Schmiedeareals am Bachweg in Kümmersbruck berichtet.

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Nach der archäologischen Situation und den 14C-Datierungen gehören die Gräber am Kümmersbrucker Bachweg wahrscheinlich in die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts. Da wir aus archäologischer Sicht wissen, das zu dieser Zeit die Produktion an diesem Platz begonnen haben muss, ist es nicht auszuschließen, dass beide Männer wichtige Funktionen innerhalb der karolingerzeitlichen Schmiedewerkstätten bekleidet haben.

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Eine solche Vermutung wird durch die anthropologische Untersuchung Steve Zäuners gestützt. Von keltischen, germanischen, merowinger- und wikingerzeitlichen Bestattungsplätzen kennen wir zahlreiche Gräber, in denen einem Schmied seine Werkzeugausstattung als Beigabe mit in das Grab gegeben wurde. Die Zeit, aus der die beiden Kümmersbrucker Gärber stammen, das 8. Jahrhundert, war in der heutigen Oberpfalz eine Zeit religiöser und sozialer Umbrüche, in der die Bevölkerung zwar nicht mehr vollständig heidnisch, doch längst noch nicht frei von althergebrachten Glaubensvorstellungen war. Da besonders die Sitte, den Toten Gegenstände für das Leben im Jenseits mitzugeben, als heidnisch und somit unchristlich empfunden wurde, verschwindet diese im Laufe des 8. Jahrhunderts mehr und mehr. Was also tun, wenn man aufgrund kanonischer Vorschriften dem verdienten Schmiedemeister kein Werkzeug mehr mitgeben darf? Wenn die Schmiedewerkstatt also nicht in das Grab des toten Meisters gelegt werden darf, war es dann vielleicht (noch) möglich, dass das der tote Meister zu seiner Schmiedewerkstatt kam und nachfolgenden Schmiedemeistern durch seine Anwesenheit zur Seite stehen konnte?
Aktuell gilt unser Augenmerk einem Fund, den wir einige Meter westlich des bemerkenswerten Steinpackungsgrab eines etwa 50- bis 70-jährigen Mannes (Bilder 1 und 2) machen konnten und der in Zusammenhang mit diesem Grab stehen könnte. Hier lag innerhalb einer Schwemmschicht, die sich wohl durch Sedimentablagerungen bei Hochwässern des Krumbachs abgelagert hat, ein außergewöhnlicher 0,8 x 0,45 m großer Stein (Bild 3). Schon das Material ist ungewöhnlich, denn es handelt sich um Granit, der in der näheren Umgebung von Kümmersbruck nicht vorkommt, wohl aber im Oberpfälzer Wald. Es handelt sich also um einen Importstein.

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Zunächst dachten wir an den Unterlegstein einer Handmühle, doch ist diese These nach genauerer Analyse des Fundes sicher nicht zu halten. Besondere Aufmerksamkeit muss nun jedoch der ungewöhnlichen Form des Steins gelten. Noch ist unklar, ob sie (auch) das Ergebnis einer anthropogenen Bearbeitung ist. Eine Expertise zur Frage nach einer Oberflächenbearbeitung von Menschenhand steht noch aus, aber seine Form lässt ohne Frage sofort an einen Grabstein denken. Dies wird umso deutlicher, wenn man den Stein in einer Art „Rekonstruktion“ aufstellt, wie dies auf Bild 4 und 5 zu sehen ist.

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Bei dem unmittelbarem räumlichen Kontext des Fundes zum benachbarten Steinpackungsgrab ist es also nicht unwahrscheinlich, dass wir hier den Grabstein des Mannes im Steinpackungsgrab des 8. Jahrhunderts entdeckt haben. Dieser wäre dann im Laufe der letzten 1250 Jahre einige Meter nach Westen „verschleppt“ worden, was nichts Ungewöhnliches wäre. Auch wenn es vorerst eine Hypothese ist, so scheint dieser Deutungsansatz doch gut begründbar und beeindruckend zugleich.
Frühmittelalterliche Grabsteine sind selten. Berühmte Funde sind u.a. der sog. Bertichilde-Grabstein und der sog. Aiberga-Grabstein des 6. bis 7. Jahrhunderts aus Kempten am Rhein (Rheinland-Pfalz), die jedoch beide mit lateinischen Inschriften versehen sind und wichtige Zeugnisse des frühmittelalterlichen Christentums bei den Rheinfranken darstellen.
Wenngleich der Kümmersbrucker Fund keine Inschrift trägt, ist er doch in seinem Fundkontext mindestens ebenso faszinierend und hat zweifelsohne etwas „mysthisches“…

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