Buchankündigung: „Erz – Feuer – Eisen. Eine kleine Geschichte des frühen Montanwesens in der mittleren Oberpfalz“

Vorankündigung – demnächst im Buchhandel:
Mathias Hensch: „Erz – Feuer – Eisen. Eine kleine Geschichte des frühen Montanwesens in der mittleren Oberpfalz“ – erscheint im Verlag Culturcon Medien, Berlin. Eine grundlegende Lektüre zum mittelalterlichen Montanwesen in der Oberpfalz.

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Zum Inhalt: „Die Oberpfälzer Eisenerze bildeten seit dem frühen Mittelalter das wirtschaftliche Rückgrat der Region um die Bergstädte Amberg, Sulzbach und Auerbach. Hier lagen die wichtigsten Eisenerzvorkommen im heutigen Bayern, die während des Mittelalters und der frühen Neuzeit von europäischer Bedeutung waren. Obwohl die Ausbeutung von Eisenerz Menschen, Landschaft und Naturraum in der heutigen Oberpfalz nachhaltig geprägt hat, war lange Zeit kaum etwas über die Anfänge des mittelalterlichen Bergbaus und der Metallverarbeitung in diesem Raum bekannt – auch, weil Hinweise auf bergmännische Tätigkeit oder spezialisiertes Metallhandwerk in den spärlichen Schriftzeugnissen bis zum späten 13. Jahrhundert fehlen. Erstmals fasst dieses Buch daher neu gewonnene Erkenntnisse der Archäologie und anderer Disziplinen in einer spannenden Synthese zusammen. Der Band gibt einen komprimierten Überblick über die wichtigsten Entwicklungen im Montanwesen der westlichen Oberpfalz bis in das 16. Jahrhundert.“
Ca. 17,- €, ab September im Buchhandel erhältlich!

Hinweise zur Landschaftsgeschichte des Erlbachtals an der Alten Straße in Sulzbach

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Spannende Anhaltspunkte zur Landschaftsgeschichte am Erlbach bei Sulzbach…
Im Vorfeld des geplanten Neubaus der Stadtgärtnerei am Erlheimer Weg 2 in Sulzbach-Rosenberg wurden von uns im Auftrag der Stadt Sulzbach-Rosenberg einige Baggersondagen auf dem Gelände angelegt, da im Jahr 2004 in der Baugrube für den Bau eines westlich benachbarten Grundstück Erlheimer Weg 4 Siedlungsspuren des 8./9. Jahrhunderts festgestellt wurden. Die Sondagen sollten Klarheit erbringen, ob sich nördlich des Bachübergangs Erlheimer Weg-Alte Straße frühmittelalterliche Siedlungsspuren erhalten haben.

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In allen Sondageschnitten waren archäologisch-anthropogene Strukturen zu beobachten, die jedoch unterhalb der für die anstehende Baumaßnahme erforderlichen Niveaus lagen und somit nicht ausgegraben werden. Dennoch sollten die Sondagen auch historisch wichtige Anhaltspunkte liefern, so dass wir kleinräumig tiefer sondiert haben. Im gesamten Areal lagen mächtige Lehmablagerungen, die durch Hochwassereereignisse in der Erlbachaue entstanden sind. Im nördlichen Bereich in Richtung Erlheim konnten wir über geologischen Lehmschichten bereits im heutigen Grundwasserbereich ca. 3 Meter unterhalb des heutigen Niveaus eine dunkle, mit Holzkohle durchsetzte Schicht sowie einen ebenfalls mit Holzkohleteilchen durchsetzten möglichen „Pfostenbefund“ beobachten. Radiokarbondaten aus diesen Holzkohlen ergaben überraschenderweise eine Datierung von 8779 bis 8631 v. Chr., also in die frühe Mittelsteinzeit. Ob diese Schichten anthropogen (durch menschlichen Einfluss) entstanden sind, ist unklar, doch gibt der Befund einen eindrucksvollen Einblick in die geoarchäologische Entwicklung an dieser Stelle des Erlbachtals seit der Mittelsteinzeit.

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Über dieser mesolithischen Schicht lagen in allen Abschnitten weitere mächtige Lehmablagerungen (Kolluvien) des Erlbachs, der noch heute bei Hochwasserereignissen enorme Wassermengen mit sich führt. Diese kolluvialen Ablagerungen hatten eine Mächtigkeit von teilweise mehr als 2 Metern. Im südlichen Bereich konnten wir nahe am Erlheimer Weg Anhaltspunkte für extreme Hochwasserereignisse im Spätmittelalter und der früheren Neuzeit feststellen. Unmittelbar neben der Straße lag in etwa 1,7 Meter Tiefe ein durch Schwemmereignisse entstandenes Lehmpaket, das zahlreiche Siedlungsanzeiger wie Holzkohle, verziegelten Lehm, Keramik und vereinzelte Tierknochen enthielt. Die Datierung von Hozkohle ergab Kalenderalter von 1280 bis 1326 n. Chr. und 1343 bis 1394 n. Chr. Offenbar kam es also auch im 14. Jahrhundert zu enormen Lehmablagerungen in der Bachaue. In diesem Bereich wurde zudem der Rand eines künstlich in diese Lehmschicht eingegrabenen Teiches erfasst, dessen wohl ebenfalls durch Einschwemmung von Material des Bachs entstandene Verfüllung wiederum zahlreiche Siedlungsanzeiger enthielt. 14C-Daten aus dieser Verfüllung liegen in den Zeiträumen von 1297 bis 1373 n. Chr. und 1377 bis 1408 n. Chr. Somit dürfte dieser Teich nur kurze Zeit offen gewesen sein und bereits während des 14. Jahrhunderts nach und nach verlandet sein. Dies geschah offenbar ebenfalls durch Materialeinschwemmungen bei Hochwasserereignissen.

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Oberhalb dieser spätmittelalterlichen Lehmablagerungen wiederum schlossen sich weitere dicke Lehmpackungen an, die nun auch zahlreiche Holzreste wie Äste und Stöcke enthielten. Die 14C-Daten eines Astfragments aus diesen Schichten lieferte ein Datum von 1483 bis 1651 n. Chr. Somit hat es offenbar auch zu Beginn der Neuzeit massive Ablagerungsprozesse in der Erlbachaue gegeben.
Mit Ausnahme des mittelsteinzeitlichen Datums liegen alle Daten aus den Kolluvien im Bereich der als „Kleine Eiszeit“ bezeichneten Klimaverschlechterung ab dem 14. Jahrhundert, die in Mitteleuropa bis in das 18. Jahrhundert anhielt. Aus dem benachbarten Nürnberg sind beispielsweise für die Zeit zwischen 1300 und 1799 zahlreiche Hochwasserereignisse überliefert, darunter auch katastrophale Hochwässer in den Jahren 1342, 1413, 1452, 1501, 1551, 1595 und 1682.

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Die mächtigen Lehmkolluvien am Erlbach, die wir nun mit guten Gründen in das 14. bis 17. Jahrhundert datieren können, geben deutliche Anhaltspunkte für einen Zusammenhang zwischen Klimaverschlechterung und Hochwasserereignissen in diesem Zeitraum. Ein solcher historischer Kontext ist also aktueller denn je…

Wir danken der Stadt Sulzbach-Rosenberg für die Finanzierung der 14C-Datierungen!

(c) Bilder von oben nach unten: 1, 3, 4, 5: Schauhütte Archäologie; 2 Bayerische Landesvermessung.

Presse-Feedback zu unseren montangeschichtlichen Ergebnissen…

Es ist immer wieder schön, wenn die Medien über unsere Arbeit und unsere Ergebnisse berichten – allemal, wenn es um ein für die Oberpfalz so eminent wichtiges Thema wie die Montangeschichte geht. Lesen Sie den Beitrag von Harald Mohr im Onetz hier…Düse

Nachhaltigkeit und Mehrwert unseres kleinen Forschungsprojekts St. Martin in Ermhof

An der von uns konzipierten und 2012 eingeweihten Historischen Informationsstätte St. Martin in Ermhof lud die Sulzbacher Kantorei und die evangelische Jugend des Dekanats Sulzbach-Rosenberg zu einem Multimediakonzert ein. An diesem Platz stand bis 1979 die im Kern karolingische Kirche St. Martin, deren Geschichte von uns in den Jahren 2006 bis 2008 in einem kleinen archäologischen Projekt erforscht wurde.

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Unter dem Motto „Am Anfang stand das Wort“ lag der Fokus in der Multimediadarstellung erzählten Geschichte auf dem Wirken des angelsächsischen Missionars Wunibald (* um 700, gest. ca. 761). Die um 777 von der Heidenheimer Nonne Hugeburc, verkörpert von Live-Darstellerin Felicitas Groth, aufgezeichnete Lebensgeschichte Wunibalds, die „Vita Wynnibaldi“, wurde dabei von Christina Wagner frei weiterentwickelt und ebenso sensibel wie stimmungsvoll vorgetragen. Sie lässt Wunibald, dargestellt von Kai-Uwe Starke, bei seinem für um 744 historisch verbirgten Aufenthalt „in regio ad Nordfilusa“ (in der Region an der Nordvils) auch nach Ermhof kommen und beim dortigen, noch heidnischen Ortsvorsteher Quartier beziehen. Dieser weigert sich trutzig, den von Wunibald gepredigten neuen Glauben anzunehmen. Durch ein Wunder, die Wiederbelebungdes ins Wasser gestürzten 3-jährigen Sohns des Ortsvorstehers, gelingt es Wunibald schließlich jedoch, den Fronherrn zu bekehren. Zu Ehren Gottes und des Hl. Martin will dieser nun eine Kirche in Ermhof errichten lassen. Durch ein weiteres Wunder kannWunibald in kurzer Zeit eine Holzkirche erbauen, die zur Keimzelle des christlichen Glaubens in der Region werden sollte.
Die Erzählung wurde durch schauspielerische Darstellungen, durch sparsame Schwarz-Weiß-Filmsequenzen auf großformatiger Leinwand und durch Chormusik aus dem 15./16. Jahrhundert eindrucksvoll untermalt.

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An dem Multimediakonzert waren rund 50 Personen zwischen 10 und 80 Jahren beteiligt. Idee, Gesamtleitung und Konzeption lagen bei Dekanatskantor Gerd Hennecke, der das Projekt mit großem Engagement umsetzte. Die Neukirchener Pfarrerin Anja Matthalm führte in den historischen Rahmen ein und vergaß dabei auch nicht, die für das damalige archäolgische Projekt verantwortlichen Personen und Unterstützer persönlich zu erwähnen und zu begrüßen. Im Sinne der Ökomene sprachen der Pfarrer der kath. Pfarrei Neukirchen Roland Klein und der evangelische Regionalbischof des Kirchenkreises Regensburg Dr. Hans-Martin Weiss Grußworte. Die Veranstaltung war sehr gut besucht, nahezu alle Plätze an der Historischen Informationsstätte St. Martin waren besetzt.
Wir finden, solche Veranstaltungen sind gelebete Nachhaltigkeit und Erinnerungskultur archäologischer Arbeit. Ein großer und bleibener Mehrwert unserer Arbeit und sagen Danke.

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Der Grabstein des Kümmersbrucker Schmiedemeisters aus dem späten 8. Jahrhundert?

Vor längerer Zeit haben wir damals noch auf unserer leider gehackten Webseite http://www.schauhuette.de ausführlich über die frühmittelalterlichen Männergräber inmitten des karolingerzeitlichen Schmiedeareals am Bachweg in Kümmersbruck berichtet.

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Nach der archäologischen Situation und den 14C-Datierungen gehören die Gräber am Kümmersbrucker Bachweg wahrscheinlich in die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts. Da wir aus archäologischer Sicht wissen, das zu dieser Zeit die Produktion an diesem Platz begonnen haben muss, ist es nicht auszuschließen, dass beide Männer wichtige Funktionen innerhalb der karolingerzeitlichen Schmiedewerkstätten bekleidet haben.

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Eine solche Vermutung wird durch die anthropologische Untersuchung Steve Zäuners gestützt. Von keltischen, germanischen, merowinger- und wikingerzeitlichen Bestattungsplätzen kennen wir zahlreiche Gräber, in denen einem Schmied seine Werkzeugausstattung als Beigabe mit in das Grab gegeben wurde. Die Zeit, aus der die beiden Kümmersbrucker Gärber stammen, das 8. Jahrhundert, war in der heutigen Oberpfalz eine Zeit religiöser und sozialer Umbrüche, in der die Bevölkerung zwar nicht mehr vollständig heidnisch, doch längst noch nicht frei von althergebrachten Glaubensvorstellungen war. Da besonders die Sitte, den Toten Gegenstände für das Leben im Jenseits mitzugeben, als heidnisch und somit unchristlich empfunden wurde, verschwindet diese im Laufe des 8. Jahrhunderts mehr und mehr. Was also tun, wenn man aufgrund kanonischer Vorschriften dem verdienten Schmiedemeister kein Werkzeug mehr mitgeben darf? Wenn die Schmiedewerkstatt also nicht in das Grab des toten Meisters gelegt werden darf, war es dann vielleicht (noch) möglich, dass das der tote Meister zu seiner Schmiedewerkstatt kam und nachfolgenden Schmiedemeistern durch seine Anwesenheit zur Seite stehen konnte?
Aktuell gilt unser Augenmerk einem Fund, den wir einige Meter westlich des bemerkenswerten Steinpackungsgrab eines etwa 50- bis 70-jährigen Mannes (Bilder 1 und 2) machen konnten und der in Zusammenhang mit diesem Grab stehen könnte. Hier lag innerhalb einer Schwemmschicht, die sich wohl durch Sedimentablagerungen bei Hochwässern des Krumbachs abgelagert hat, ein außergewöhnlicher 0,8 x 0,45 m großer Stein (Bild 3). Schon das Material ist ungewöhnlich, denn es handelt sich um Granit, der in der näheren Umgebung von Kümmersbruck nicht vorkommt, wohl aber im Oberpfälzer Wald. Es handelt sich also um einen Importstein.

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Zunächst dachten wir an den Unterlegstein einer Handmühle, doch ist diese These nach genauerer Analyse des Fundes sicher nicht zu halten. Besondere Aufmerksamkeit muss nun jedoch der ungewöhnlichen Form des Steins gelten. Noch ist unklar, ob sie (auch) das Ergebnis einer anthropogenen Bearbeitung ist. Eine Expertise zur Frage nach einer Oberflächenbearbeitung von Menschenhand steht noch aus, aber seine Form lässt ohne Frage sofort an einen Grabstein denken. Dies wird umso deutlicher, wenn man den Stein in einer Art „Rekonstruktion“ aufstellt, wie dies auf Bild 4 und 5 zu sehen ist.

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Bei dem unmittelbarem räumlichen Kontext des Fundes zum benachbarten Steinpackungsgrab ist es also nicht unwahrscheinlich, dass wir hier den Grabstein des Mannes im Steinpackungsgrab des 8. Jahrhunderts entdeckt haben. Dieser wäre dann im Laufe der letzten 1250 Jahre einige Meter nach Westen „verschleppt“ worden, was nichts Ungewöhnliches wäre. Auch wenn es vorerst eine Hypothese ist, so scheint dieser Deutungsansatz doch gut begründbar und beeindruckend zugleich.
Frühmittelalterliche Grabsteine sind selten. Berühmte Funde sind u.a. der sog. Bertichilde-Grabstein und der sog. Aiberga-Grabstein des 6. bis 7. Jahrhunderts aus Kempten am Rhein (Rheinland-Pfalz), die jedoch beide mit lateinischen Inschriften versehen sind und wichtige Zeugnisse des frühmittelalterlichen Christentums bei den Rheinfranken darstellen.
Wenngleich der Kümmersbrucker Fund keine Inschrift trägt, ist er doch in seinem Fundkontext mindestens ebenso faszinierend und hat zweifelsohne etwas „mysthisches“…

Der Sulzbacher Zehentstadel, vom Abbruch bedroht – Eine Stellungnahme

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Wenig außerhalb der Altstadt von Sulzbach steht an dessen nordöstlichem Rand am Schnittpunkt zweier wichtiger Altstraßen der ehemalige Zehentstadel der Stadt. Heute ist das Gebäude unter dem Namen Scherling-Stadel bekannt. Es handelt sich um einen eingeschossigen, verputzten Bruchsteinbau mit Satteldach und Rundbogentor, der möglicherweise über einem mittelalterlichen Vorgängerbau um das Jahr 1600 erbaut wurde. Das Gebäude dient derzeit als Lagerraum für das Stadtmuseum, zuvor wurde es als Lagerhalle eines ansässigen Handwerksbetriebs genutzt.

Seit Längerem wird im Rat der Stadt Sulzbach-Rosenberg diskutiert, das Gebäude abzubrechen, da es einer modernen Verkehrsinfrastruktur im Kreuzungsbereich der vielbefahrenen Bundestraße 14 im Wege stünde. Von Seiten der Abbruchbefürworter wird hierbei auch auf die prekäre Parkplatzsituation und die Gefahrenlage bei der Erschließung zweier benachbarter Kindertagesstätten verwiesen. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege hat bereits 2010 in einer Stellungnahme dem Abbruch des denkmalgeschützten Gebäudes klar widersprochen. Dennoch wird die Diskussion um den Abriss des Stadels nun im Stadtrat erneut geführt. Denkmalschutz bedeutet Kulturschutz und Wahrnehmung unserer gemeinsamen Verantwortung für geschichtliches Erbe gleichermaßen.

Insofern ist der Erhalt historisch und baugeschichtlich relevanter Gebäude keine innerkommunale Angelegenheit, sondern von übergeordnetem allgemeingesellschaftlichem und öffentlichem Interesse. Als Kulturpreisträger der Stadt Sulzbach-Rosenberg möchte ich mich daher zu den Überlegungen hinsichtlich eines Abbruchs des Zehentstadels durch die Stadt Sulzbach-Rosenberg an dieser Stelle öffentlich äußern.

Die Abgabeform des Zehnts, die ihren Ursprung bereits in antiker Zeit hat, war im Mittelalter und der frühen Neuzeit in Deutschland bis in das 19. Jahrhundert eine wesentliche Naturalabgabe an den jeweiligen Grundherrn. Sie konnte auf unterschiedlichste Teilabgaben ausgerichtet sein, zumeist Ernteabgaben aller Art. In Bergbauregionen etwa, wie in der Oberpfalz, galt diese Abgabeform im Mittelalter zum Beispiel auch für gefördertes Erz. So ist für Amberg bereits 1285 die Erhebung eines Erzzehnts durch den Herzog überliefert. Derartige Abgabesysteme reichen zum Teil bis in unsere Zeit und finden heute in einigen Steuerabgaben ihre Fortsetzung. Dies ist etwa bei der bergmännischen Förderabgabe, die heute zehn Prozent des Marktwerts geförderter bergfreier Bodenschätze beträgt, der Fall. Das historische Zehntwesen spielt also eine äußerst wichtige Rolle in der Entwicklung moderner öffentlicher Steuersysteme, die letztlich auch die Entwicklung einer auf Solidarität ausgerichteten, demokratischen Gesellschaft mit ihrer sozialen Marktwirtschaft ermöglichten.

Im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit entstanden zur Aufbewahrung dieser wichtigen Naturalabgaben der Bürger an die Stadt große Speichergebäude, die im Oberdeutschen häufig als „Kasten“ oder „Zehntkasten“, „Zehntscheuer“ oder auch „Zehntstadel“ bezeichnet werden. Dort, wo diese Gebäude noch erhalten sind, sind sie sowohl unmittelbares und sichtbares Zeugnis eines für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des jeweiligen Gemeinwesens eminent wichtigen ökonomischen Systems, als auch Zeugnis urbanen Selbstbewusstseins und kommunaler Selbstverwaltung. Oftmals gehörten diese Bauten zu den größten städtischen Gebäuden und waren somit auch Möglichkeit zur Selbstinszenierung für Rat und Bürger. Dass in Sulzbach die beiden noch erhaltenen historischen Kästen (neben dem „Scherlingstadel“ steht ein paar Hundert Meter westlich an der Alten Straße der historische Salzstadel) außerhalb der Stadtbefestigung errichtet wurden, ist sicher dem fehlenden Platz im Kernbereich der Stadt geschuldet.

Das Argument, das Bauwerk stünde einem modernen Verkehrs- und Sicherheitskonzept im Wege, ist streng genommen keines: Es muss Aufgabe aller demokratisch legitimierten Kommunalpolitiker sein, kultur- und baugeschichtliches Erbe vor der Zerstörung durch wenig nachhaltige Bauprojekte zu schützen und in stadtplanerische Nutzungskonzepte einzubinden. Dies gilt natürlich besonders für Gebäude, die für die rechtliche und soziale Entwicklung der Stadt von großer Bedeutung waren. Niemand würde ernsthaft einen Abbruch des Regensburger Salzstadels in Erwägung ziehen, allein, weil der an einer Engstelle des heutigen Auto- und Busverkehrs in der Regensburger Altstadt steht. Im Gegenteil: Die Stadt Regensburg hat die Thundorfer Straße, an der das Bauwerk steht, seit einiger Zeit als Einbahnstraße ausgewiesen und somit die prekäre Verkehrssituation an dieser Stelle entspannt. Nun mag manch einer sagen: „Der Regensburger Salzstadel ist ja etwas ganz anderes, viel bedeutender, als der Scherlingstadel in Sulzbach…“. Dem ist entgegenzuhalten: Für die Geschichte der Stadt Sulzbach, die ja nun wirklich keine historisch unbedeutende Stadt ist, besitzt der Stadel an der Allee eine exakt vergleichbare Bedeutung, wie der Salzstadel an der Donau für die Geschichte der Stadt Regensburg. Punkt.

So darf es nur eine Entscheidung geben: Den Erhalt des Sulzbacher Zehntstadels an der Allee und die Erarbeitung eines nachhaltigen Nutzungskonzepts für das Gebäude und seinen Umgriff. Dass dies gelingen kann, zeigt ein Blick in die Nachbarstädte Amberg, Nabburg und Vilseck. Alle drei Städte haben historische Speicherbauten in den letzten Jahren saniert und einer kulturellen Nutzung zugeführt. Daher muss die Debatte bei den Entscheidungsträgern der Stadt Sulzbach-Rosenberg nicht länger um den Abbruch des Gebäudes kreisen, sondern darum, wie dieses wichtige Bauwerk Sulzbacher Geschichte zu neuem Leben erweckt werden kann. Das ist sowohl als Verantwortung, wie auch als Ansporn zu verstehen, denn wie Richard von Weizsäcker sagte: „Kultur ist kein Luxus, den wir uns entweder leisten oder nach Belieben streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere innere Überlebensfähigkeit sichert“.

Dr. Mathias Hensch M.A.

Kulturpreisträger der Stadt Sulzbach-Rosenberg des Jahres 2004

Schönlind 2, 92259 Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg

 

 

 

 

Weg mit dem alten G’lump – Denkmalschutz auf verlorenem Posten?

Hörenswerte Radiosendung auf Bayern 2 – auch das Haus Obermainshof 1 von 1534 kommt darin vor:

Obermainshof

Weg mit dem alten G’lump – Denkmalschutz auf verlorenem Posten? Vielerorts kämpfen Bürger-Initiativen und Vereine vergeblich um den Erhalt der letzten traditionsreichen Häuser oder Ensembles. Die Zahl der gesichts- und geschichtslosen Orte wächst. Für das Notizbuch-Nah dran am 23. Oktober auf Bayern 2 besichtigt Justina Schreiber exemplarische Denkmalverluste.

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