Der Sulzbacher Zehentstadel, vom Abbruch bedroht – Eine Stellungnahme

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Wenig außerhalb der Altstadt von Sulzbach steht an dessen nordöstlichem Rand am Schnittpunkt zweier wichtiger Altstraßen der ehemalige Zehentstadel der Stadt. Heute ist das Gebäude unter dem Namen Scherling-Stadel bekannt. Es handelt sich um einen eingeschossigen, verputzten Bruchsteinbau mit Satteldach und Rundbogentor, der möglicherweise über einem mittelalterlichen Vorgängerbau um das Jahr 1600 erbaut wurde. Das Gebäude dient derzeit als Lagerraum für das Stadtmuseum, zuvor wurde es als Lagerhalle eines ansässigen Handwerksbetriebs genutzt.

Seit Längerem wird im Rat der Stadt Sulzbach-Rosenberg diskutiert, das Gebäude abzubrechen, da es einer modernen Verkehrsinfrastruktur im Kreuzungsbereich der vielbefahrenen Bundestraße 14 im Wege stünde. Von Seiten der Abbruchbefürworter wird hierbei auch auf die prekäre Parkplatzsituation und die Gefahrenlage bei der Erschließung zweier benachbarter Kindertagesstätten verwiesen. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege hat bereits 2010 in einer Stellungnahme dem Abbruch des denkmalgeschützten Gebäudes klar widersprochen. Dennoch wird die Diskussion um den Abriss des Stadels nun im Stadtrat erneut geführt. Denkmalschutz bedeutet Kulturschutz und Wahrnehmung unserer gemeinsamen Verantwortung für geschichtliches Erbe gleichermaßen.

Insofern ist der Erhalt historisch und baugeschichtlich relevanter Gebäude keine innerkommunale Angelegenheit, sondern von übergeordnetem allgemeingesellschaftlichem und öffentlichem Interesse. Als Kulturpreisträger der Stadt Sulzbach-Rosenberg möchte ich mich daher zu den Überlegungen hinsichtlich eines Abbruchs des Zehentstadels durch die Stadt Sulzbach-Rosenberg an dieser Stelle öffentlich äußern.

Die Abgabeform des Zehnts, die ihren Ursprung bereits in antiker Zeit hat, war im Mittelalter und der frühen Neuzeit in Deutschland bis in das 19. Jahrhundert eine wesentliche Naturalabgabe an den jeweiligen Grundherrn. Sie konnte auf unterschiedlichste Teilabgaben ausgerichtet sein, zumeist Ernteabgaben aller Art. In Bergbauregionen etwa, wie in der Oberpfalz, galt diese Abgabeform im Mittelalter zum Beispiel auch für gefördertes Erz. So ist für Amberg bereits 1285 die Erhebung eines Erzzehnts durch den Herzog überliefert. Derartige Abgabesysteme reichen zum Teil bis in unsere Zeit und finden heute in einigen Steuerabgaben ihre Fortsetzung. Dies ist etwa bei der bergmännischen Förderabgabe, die heute zehn Prozent des Marktwerts geförderter bergfreier Bodenschätze beträgt, der Fall. Das historische Zehntwesen spielt also eine äußerst wichtige Rolle in der Entwicklung moderner öffentlicher Steuersysteme, die letztlich auch die Entwicklung einer auf Solidarität ausgerichteten, demokratischen Gesellschaft mit ihrer sozialen Marktwirtschaft ermöglichten.

Im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit entstanden zur Aufbewahrung dieser wichtigen Naturalabgaben der Bürger an die Stadt große Speichergebäude, die im Oberdeutschen häufig als „Kasten“ oder „Zehntkasten“, „Zehntscheuer“ oder auch „Zehntstadel“ bezeichnet werden. Dort, wo diese Gebäude noch erhalten sind, sind sie sowohl unmittelbares und sichtbares Zeugnis eines für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des jeweiligen Gemeinwesens eminent wichtigen ökonomischen Systems, als auch Zeugnis urbanen Selbstbewusstseins und kommunaler Selbstverwaltung. Oftmals gehörten diese Bauten zu den größten städtischen Gebäuden und waren somit auch Möglichkeit zur Selbstinszenierung für Rat und Bürger. Dass in Sulzbach die beiden noch erhaltenen historischen Kästen (neben dem „Scherlingstadel“ steht ein paar Hundert Meter westlich an der Alten Straße der historische Salzstadel) außerhalb der Stadtbefestigung errichtet wurden, ist sicher dem fehlenden Platz im Kernbereich der Stadt geschuldet.

Das Argument, das Bauwerk stünde einem modernen Verkehrs- und Sicherheitskonzept im Wege, ist streng genommen keines: Es muss Aufgabe aller demokratisch legitimierten Kommunalpolitiker sein, kultur- und baugeschichtliches Erbe vor der Zerstörung durch wenig nachhaltige Bauprojekte zu schützen und in stadtplanerische Nutzungskonzepte einzubinden. Dies gilt natürlich besonders für Gebäude, die für die rechtliche und soziale Entwicklung der Stadt von großer Bedeutung waren. Niemand würde ernsthaft einen Abbruch des Regensburger Salzstadels in Erwägung ziehen, allein, weil der an einer Engstelle des heutigen Auto- und Busverkehrs in der Regensburger Altstadt steht. Im Gegenteil: Die Stadt Regensburg hat die Thundorfer Straße, an der das Bauwerk steht, seit einiger Zeit als Einbahnstraße ausgewiesen und somit die prekäre Verkehrssituation an dieser Stelle entspannt. Nun mag manch einer sagen: „Der Regensburger Salzstadel ist ja etwas ganz anderes, viel bedeutender, als der Scherlingstadel in Sulzbach…“. Dem ist entgegenzuhalten: Für die Geschichte der Stadt Sulzbach, die ja nun wirklich keine historisch unbedeutende Stadt ist, besitzt der Stadel an der Allee eine exakt vergleichbare Bedeutung, wie der Salzstadel an der Donau für die Geschichte der Stadt Regensburg. Punkt.

So darf es nur eine Entscheidung geben: Den Erhalt des Sulzbacher Zehntstadels an der Allee und die Erarbeitung eines nachhaltigen Nutzungskonzepts für das Gebäude und seinen Umgriff. Dass dies gelingen kann, zeigt ein Blick in die Nachbarstädte Amberg, Nabburg und Vilseck. Alle drei Städte haben historische Speicherbauten in den letzten Jahren saniert und einer kulturellen Nutzung zugeführt. Daher muss die Debatte bei den Entscheidungsträgern der Stadt Sulzbach-Rosenberg nicht länger um den Abbruch des Gebäudes kreisen, sondern darum, wie dieses wichtige Bauwerk Sulzbacher Geschichte zu neuem Leben erweckt werden kann. Das ist sowohl als Verantwortung, wie auch als Ansporn zu verstehen, denn wie Richard von Weizsäcker sagte: „Kultur ist kein Luxus, den wir uns entweder leisten oder nach Belieben streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere innere Überlebensfähigkeit sichert“.

Dr. Mathias Hensch M.A.

Kulturpreisträger der Stadt Sulzbach-Rosenberg des Jahres 2004

Schönlind 2, 92259 Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg

 

 

 

 

Weg mit dem alten G’lump – Denkmalschutz auf verlorenem Posten?

Hörenswerte Radiosendung auf Bayern 2 – auch das Haus Obermainshof 1 von 1534 kommt darin vor:

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Weg mit dem alten G’lump – Denkmalschutz auf verlorenem Posten? Vielerorts kämpfen Bürger-Initiativen und Vereine vergeblich um den Erhalt der letzten traditionsreichen Häuser oder Ensembles. Die Zahl der gesichts- und geschichtslosen Orte wächst. Für das Notizbuch-Nah dran am 23. Oktober auf Bayern 2 besichtigt Justina Schreiber exemplarische Denkmalverluste.

Zum Anhören und/oder Herunterladen als Podcast bitte hier klicken.

 

Nachtrag zum Nachruf auf das abgebrochene älteste Bauernhaus der westlichen Oberpfalz

Die beiden Bilder zeigen Teile des vorzüglich verzimmerten und bis zum Abbruch sehr schön erhaltenen Dachstuhls des Hauses Obermainshof 1 von 1534 . Auf Bild 1 ist die Giebelseite des unteren, dreifach stehenden Stuhls mit angeblattetem Kopfband zu sehen. Auf diesem Bild ist sehr schön eine Besonderheit zu erkennen, nämlich die doppelten Rähme, von denen die unteren unterhalb der Bundbalken der Stuhlkonstruktion in die Säulen eingezapft waren, während die oberen Rähme über den Säulen und unter den an die Sparren angeblatteten Kehlbalken bis zum ursprünglichen Walm durchliefen.

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Bild 2 zeigt eine Säule des oberen, zweifach stehenden Stuhls, ebenfalls mit verblattetem Kopfband und Kehlbalken am Sparren. Schön ist auch der nach rund 500 Jahren noch immer perfekte Sitz der Holznägel zur Fixierung der Holzverbindungen von Kopfbändern, Rähmen, Bund- und Kehlbalken sowie Windstreben zu erkennen.

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Bildnachweis: Robert Giersch und denkmalnetznetzbayern.de

Obermainshof 1 – Ein Nachruf auf das älteste Bauernhaus der westlichen Oberpfalz

Ausgerechnet im Lutherjahr 2017 verschwand das unter Denkmalschutz stehende älteste bekannte Bauernhaus der westlichen und nördlichen Oberpfalz. Das Haus Obermainshof 1 (Gmde. Neukirchen b. Sulzbach-Rosenberg, Lkr. Amberg-Sulzbach) wurde nämlich im Jahr 1534 errichtet, in dem Jahr als Martin Luther seine erste Bibelübersetzung ins Deutsche drucken ließ. Der Verlust für die Oberpfälzer Kulturlandschaft ist enorm und nicht zu kompensieren. Bauernhäuser des Oberpfälzer Jura in den Landkreisen Neumarkt i.d. Opf. und Amberg-Sulzbach sind bislang wenig erforscht. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts errichtete man hier fast ausschließlich eingeschossige Bauernhäuser. Diese Häuser besitzen traditionell steile, mit Stroh gedeckte Dächer, die eine Verwandtschaft zu den ländlichen Hauslandschaften Ober- und Mittelfrankens zeigen.

Ein Blick auf Flur- und Parzellenstruktur in der Uraufnahme der.ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lässt vermuten, dass Obermainshof bei seiner Gründung im früheren Mittelalter wahrscheinlich mit dem Hof Nr. 1 lediglich einen Hof besaß. Durch Teilung entstand kurze Zeit später dann der Hof Nr. 2.

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Das bis zum Sommer 2017 erhaltene Haus Obermainshof 1 war bis zu seinem Abriss das älteste bekannte Bauernhaus der westlichen Oberpfalz. Bis nach 1830 war es Wohnstallhaus eines „halben Hofes“, also eines Bauernhofes mit relativ großem Grundbesitz. Dieser war in etwa halb so groß, wie das, was ein Großbauer bewirtschaftete. Wie die Uraufnahme zeigt, gehörten zum Hof Obermainshof 1 neben dem Wohnstallhaus eine Scheune und ein weiteres Wirtschaftsgebäude.

Obermainshof

Das Haus wurde 1533/34 (dendrochronlogische Datierung des Dachwerks) als Holzständerbau errichtet. Es gehörte zum Bautypus des sogenannten „breiten Hauses“, das in seiner dreizonigen Gerüstkonstruktion in mittelalterlicher Bautradition steht. Der Typus des „breiten Hauses“ ist besonders in Mittel- und Oberfranken, der westlichen Oberpfalz, aber auch in den an Franken grenzenden Regionen Oberbayerns anzutreffen. Zu diesem Bautyp gehört beispielsweise auch das hier gezeigte sogenannte Schwedenhaus aus Nürnberg-Almoshof, das im Bauzustand von 1554 heute im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim gezeigt wird.

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Charakteristisch für das „breite Haus“ ist ein quadratischer oder annähernd quadratischer Grundriss, der beim Haus Obermainshof 1 ca. 13,3 m Länge x 12,4 m Breite betragen hat. Die Raumabfolge entsprach auch in Obermainshof der charakteristischen Raumabfolge beim „breiten Haus“: Die Erschließung erfolgte, wie übrigens auch bei den Häusern dieses Typs im östlichen Mittelfranken, von der Giebelseite im Süden her. Die einzelnen Räume waren über einen relativ breiten Mittelflur, die sogenannte Tenne, zu erreichen. Die fast immer annähernd quadratische Stube lag bei diesen Häusern immer im Hauseck und oftmals – so auch hier – im Südosten. Für die Bauzeit 1533/1534 ist für das Haus in Obermainshof eine hölzerne Bohlenstube anzunehmen, von der sich Reste nachweisen ließen. Hinter der Stube schloss sich die Küche an, von der aus ursprünglich sicherlich ein Hinterladerkachelofen in der Stube geschürt werden konnte. Gegenüber der Stube lag im ursprünglichen Bestand eine weitere Kammer, die der Erweiterung des Stalls um 1900 weichen musste. Zur Erbauungszeit in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts lag der Stall wahrscheinlich quer zur Tenne und war über die gesamte Länge des Hauses geführt. Der Keller war, wie beim „breiten Haus“ oftmals der Fall, außen an das Haus „angehängt“.

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Der Dachstuhl und der unteren Teil des Südgiebels gehörten fast vollständig erhalten zur ältesten Bauphase von 1533/34. Das Giebelfachwerk war hier mit bauzeitlich Staken und Lehm gefüllt. Es bestand im ersten Dachgeschoss aus den Ständern des Dachstuhls, die mit kurzen Fußbändern sowie einer doppelten Riegellage verstrebt waren. Das Haus besaß ursprünglich ein nach beiden Seiten abgewalmtes Halbwalmdach, das sicherlich eine Strohdeckung trug. Das Walmdach wurde 1815 zu einem Satteldach umgestaltet, was die Aufstockung der Giebelseiten erforderte. Einen Eindruck von ursprünlichen Dach des Obermainshofer Hauses vermittelt die hier gezeigte, um 1560 errichtete Scheune auf dem Imhoff´schen Herrensitz in Nürnberg-Almoshof.

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Der Dachstuhl und der Südgiebel gehörten beim Obermainshofer Haus fast vollständig erhalten zur ältesten Bauphase von 1533/34. Das Giebelfachwerk war hier mit bauzeitlichen Staken und Lehm gefüllt. Es bestand im ersten Dachgeschoss aus den Ständern des Dachstuhls, die mit kurzen Fußbändern verstrebt waren sowie einer doppelten Riegellage. Das Haus besaß ursprünglich ein nach beiden Seiten abgewalmtes Halbwalmdach, das sicherlich eine Strohdeckung trug. Einen Eindruck vom ursprünlichen Dach des Obermainshofer Hauses vermittelt die hier gezeigte, um 1560 errichtete Scheune auf dem Imhoff´schen Herrensitz in Nürnberg-Almoshof.
Im Bereich des ersten Dachgeschosses des Hauses Obermainshof 1 war ein dreifach stehender Stuhl, im zweiten Dachgeschoss ein zweifach stehender Stuhl eingebaut. Laut eines publizierten Berichts des Bauforschers Karl Schnieringer (Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege) war „die nahezu vollständig in der bauzeitlichen Substanz erhaltene Dachkonstruktion höchst solide gebaut“. Die bekannte Darstellung Albrecht Dürers von Kalchreuth um das Jahr 1500 zeigt das Aussehen und die Dachlandschaft eines nordostbayerischen Dorfes am Ausgang des Mittelalters auf eindrucksvolle Weise.
Karl Schnieringer schließt seine kurze Beschreibung des Gebäudes im gerade erschienenen Band 68/69 des Jahrbuchs der Bayerischen Denkmalpflege mit einem Satz, der den kulturgeschichtlichen Verlust des Hauses noch einmal deutlich werden lässt: „Das Haus ist als Zeugnis der aus dem Mittelalter tradierten Holzbauweise als höchst bedeutend einzustufen, sein Fortbestand konnte bis zuletzt noch nicht gesichert werden“.

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Bildnachweis:
Bayerische Vermessungsverwaltung
Mathias Conrad, Poppenricht
Fränkisches Freilandmuseum Bad Windsheim
Janericloebe: https://upload.wikimedia.org/…/Nuremberg_Almoshof_Imhoff%27…
Jahrbuch der Bayerischen Denkmalpflege 68/69, 2014/2015, Abb. 27, 28, S. 174.

Literatur:
Jahrbuch der Bayerischen Denkmalpflege 68/69, 2014/2015.
Herbert May: Grundzüge des bäuerlichen Hausbaus um Nürnberg vom 16. Jahrhundert bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, Bad Windsheim 2013.